Wenn nicht nur Corona ansteckend ist, sondern auch die Angst

Alles nicht so schlimm!

„Diese Angst ist völlig übertrieben!“ oder „Mich steckt diese Panikmache nicht an!“, das höre ich von einigen meiner Klienten, die über die vielen und wechselnden Corona-Nachrichten einen Abstand gewinnen möchten.
Manche Menschen hingegen reagieren mit intensiver Recherche über den Coronavirus, versuchen sich diese Pandemie sachlich zu erklären. Zahlen, Daten, Statistiken und Aussagen von Experten geben hier Sicherheit.

Andere wiederum halten durch die Hoffnung auf neue Chancen und Möglichkeiten im Leben der gegenwärtigen Angst entgegen. Das bedeutet vor allem runterfahren durch Entschleunigung, Zeit für Familie und für sich selber. Erfahren, was man wirklich braucht. Der Umweltschutz, schwimmende Delfine im Hafenbecken und die noch nie dagewesene Stille. Natur ist hörbar, Vögel singen und Nächte können beruhigend still sein.

Schließlich gibt die Schaffung eines sicheren Ortes in der eigenen Wohnung ein Gefühl des Geborgenseins. Einige von uns halten sich beschäftigt durch die bestmögliche Vorbereitung auf den Krisenhöhepunkt durch Horten von Zwei-Wochen-Reserven. Der Anschaffung der schon längst ersehnten großen Gefriertruhe steht nun nichts mehr im Wege. Auch das Internet im eigenen Wohnraum gibt einen virtuellen Schutzraum, um sich vor der veränderten Welt abzuschirmen oder sich Rat zu suchen.

Manche Menschen solidarisieren sich, um besonders hilfsbedürftigen Menschen Unterstützung zu geben. Sie gehen einkaufen, erledigen wichtige Aufgaben im Alltag oder hören Anderen einfach nur zu. Auch die Belebung von alten oder neuen Freundschaften über Internet, der Austausch innerhalb Interessensgruppen oder Kollegen oder auch die neue Enge zur Familie gibt uns Sicherheit. Wir bleiben proaktiv und bleiben nicht in Gedankenschleifen stecken.

Kurzum, es liegt wohl in unserer Natur in solch einer Zeit mit ängstlichen Gefühlen unterschiedlich und auch vielschichtig umzugehen. Wir schaffen es mit Glaubenssätzen, positiven inneren Einstellungen, der Schaffung eines Schutzraumes, der Solidarität, Freundschaft oder intellektuellen Bewältigungsstrategien unsere Angst vor einer tiefgreifenden Veränderung, vor dem Verlust von Beruf, Existenz oder eines geliebten Menschen zu verdrängen.

Angst – sie kann ansteckend sein.

Doch was passiert, wenn diese Bewältigungsstrategien nicht mehr standhalten? Wenn die Sorgen um die Ungewissheit in Angst und Stress umschlagen. Was bedeutet es, wenn sich z.B. die Angst trotz intensiver Recherche im Internet verstärkt und soziale Medien und Nachrichten ein Echoraum der eigenen Sorgen und Befürchtungen werden. Was passiert, wenn die Sorgen und Ängste der eigenen Freunde plötzlich ansteckend werden oder Schweiß und Zittern bei dem Verlassen des eigens gebauten Schutzraumes auftauchen. Oder, positive Glaubenssätze schlagen in negative Gedankenspiralen um. Was ist, wenn die Ängste wirklich ansteckend werden und den Alltag bestimmen. Kontakte mit Menschen werden vermieden. Hohe Hygienemaßnahmen bestimmen das tägliche Leben.

Einige Fakten über COVID-19 und psychischen Stress

Auch einige Studien aus China während COVID-19 zeigen, wie hoch die psychische Belastungen während der Quarantäne waren.

In einer Umfrage in China über psychischen Stress während der COVID-19-Isolation berichteten 35% der Befragten über eine psychische Belastung. In einer anderen Studie gaben die Befragten Depressionen (48%), Angst (23%) und Angst und Depressionen gemischt (19%) an. Frauen litten hierbei mehr an psychischen Stress. Interessanterweise fühlten sich die Jugendlichen in der akuten Krise weniger belastet. Es bleibt jedoch offen, welche sekundären Probleme als Folge nach der Quarantäne entstehen können. Die Gruppe, die sich am höchsten belastet fühlte, waren junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren. Vermutlich ist es diese Gruppe besonders anfällig, da sie mehr soziale Medien verwendet als andere Altersgruppen. In einer anderen Studie über COVID-19 und soziale Mediennutzung gibt es Hinweise, dass bei Angstsymptomen und bei Angst und Depressionen gemischt ein Zusammenhang mit intensiver Mediennutzung besteht.

Gibt es ein geeignetes Gegenmittel?

Was kann man gegen die Angst vor dem Corona-Virus und den damit verbundenen Veränderungen tun? Insgesamt ist es schwer vorauszusagen, wie sich unser Leben entwickeln wird. Vielleicht erwarten uns nur kleine Veränderungen oder wir stehen vor einem größeren Wandel. In erster Linie geht es in diesen Zeiten darum, gut auf sich selber aufzupassen und sich gesund zu halten. Neben der körperlichen Gesundheit ist auch unsere psychische Gesundheit gleichermaßen ernst zu nehmen. Nun, wie geht das sich selber gesund halten? Vereinfacht gesagt, wir benötigen Inseln der Erholung vor Stressoren. Wir müssen von auslösenden intensiven Gefühlen, wie Angst oder Sorgen eine Pause machen. Gerade jetzt gilt es den negativen Gedanken oder der Schlaflosigkeit den Nährboden zu entziehen. Hier sind dein paar Impulse für ein besseres Wohlbefinden.

  • Das Wichtigste zuerst: Mach dir einen Plan! Um Stressoren entgegenzuwirken, gib deinem Tag eine Struktur. Neben Homeofficezeiten, nimm dir Zeit für das, was dir gut tut. Plane den Tag so, als ob du Termine einhalten müsstest. Beginne den Morgen zur gleichen Zeit, fange nach dem Frühstück mit einer leichten Bewegung an, z.B. Streching, leichtes Workout, Spaziergang. Nehme dir am Vormittag gezielt Zeit für ein Telefonat, Sozialkontakte, private E-Mails,… Plane deine Essenszeiten. Schreibe dir Wochenziele auf. Was möchtest du diese Woche erreichen? Ist es mal einen Schrank zu entrümpeln, eine neue Sprache zu lernen oder sich sozial zu engagieren?
  • Smartphone-Diät: das Internet kann ein Echoraum der eigenen Ängste und Gefühle werden und Befürchtungen verstärken. Gib dir eine Auszeit, schalten das Internet für eine bestimmte Zeit am Tag ab oder lege dein Smartphone weg. Schalte Push-Nachrichten aus und den Messenger auf stumm! Nimm dir bewußt etwas vor, was nicht mit Medien zu tun hat. Lesen, kreativ werden, schreiben, Brettspiele, etwas Neues lernen. Sprich mit Freunden und Familie darüber, was man in medienfreien Zeiten machen kann, auch wenn man viel zu Hause ist.
  • Freunde, Familie, Partner/in: teile deine Freuden und Sorgen. Bleibe im Kontakt und „verabrede“ dich zum Telefonat oder Videocall. Auch in Gruppen könnt ihr euch treffen, z.B. für ein gemeinsames Essen. Falls du merkst, du ziehst dich zu sehr zurück, bereite deine Freunde und Familie darauf vor, dass sie mal über Telefon oder Video „nach dir schauen“.
  • Bleibe fit und entspanne dich: bewege dich, sei es du machst Workouts, Zumba, Yoga über YouTube, probierst eine Fitness-App aus, Joggen, Nordic Walking, Marathon auf Balkon laufen und vieles mehr. Zur Entspannung versuche Yoga, Meditation, Phantasiereisen oder Autogenes Training. Es gibt hierfür viele Apps und Podcasts. Hast du schonmal 8D Entspannungmusik auf YouTube ausprobiert?
  • Etwas Neues lernen: Gerade jetzt erlebt Bildung und Kultur einen enormen digitalen Anschub. Vieles ist online frei verfügbar! Probiere es aus.

Falls du merkst, viele Tipps versagen und deine Angst wächst weiter, dann solltest du über professionelle Hilfe, Selbsthilfegruppen oder Hilfetelefon nachdenken. Ein Gespräch mit einem Experten kann dir eine erste Hilfe sein. Wenn du mehr erfahren möchtest, dann klicke hier. Ein kostenfreies Gespräch kann dir helfen, ob es das Richtige ist.

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